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GÖREME


FACHGEBIET: THEORIE, GESCHICHTE UND KRITIK DER ARCHITEKTUR

CHIH-HSING SHEN

M. ERAY ÖZKAN


Einleitung

Das zentralanatolische Hochland um Göreme übt allein aufgrund seiner bizarren Geomorphologie eine große Anziehungskraft auf den Besucher aus und verstärkt diese noch mit einer siedlungshistorischen Entwicklung, die vor allem durch Naturbezogenheit und Anpassungsfähigkeit gekennzeichnet ist. Hiermit ist in erster Linie die Bautätigkeit der Christen gemeint, deren ortsangepaßte Höhlenarchitektur den Charakter der Region in starkem Maße mitbestimmt und zwar unter Berücksichtigung der harmonischen Beziehung zur Umgebung. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich in und um Göreme eine große Zahl künstlich gestalteter Höhlenwohnungen, Mönchsklausen, Kirchen- und Klöster, die in idealer Weise an die klimatischen, ökologischen und ökonomischen Gegebenheiten angepaßt sind. Wegen der großen Bedeutung der Christen für die Wohn- und Lebensweise in Göreme bis in die Gegenwart, wird die historische Entwicklung des Christentums, neben der Erwähnung im Abschnitt Siedlungsgeschichte, im Kapitel Christentum in Göreme noch einmal differenzierter beschrieben werden.

Während für uns im oben genannten Kapitel die Einbeziehung auch der benachbarten Ortschaften um Göreme von Bedeutung ist, um die Ausdehnung und Leistung der christlichen Höhlenarchitektur anhand historisch bedeutsamer Bauwerke deutlich zu machen, möchten wir uns beim zweiten Schwerpunkt unseres Essays, im Kapitel Die türkischen Höhlenhausbewohner in Göreme, speziell auf die Ortschaft Göreme beschränken, um die gegenwärtige Wohnweise der durchschnittlichen Bevölkerung in Göreme zu veranschaulichen. Trotz der zeitlichen Differenz und der Unterschiede in Religion und Ethnie ermöglicht das heutige Göreme, aufgrund der Beibehaltung des dörflichen Charakters, dem Besucher auch eine Assoziation und Vorstellung der Lebensweise christlicher Gemeinschaften, welche ohne Zweifel den türkischen Bewohnern als Grundlage und Vorbild für ihre Höhlenwohnungen dienten. In den Abschnitten Konstruktion und Wohn- und Nebenräume werden nicht nur die einzelnen Bauelemente und Räume beschrieben, sondern auch grob die Lebensgewohnheiten der Bewohner nahegebracht.

Die vorliegende Abhandlung sollte nicht als Gegenüberstellung der christlichen mit der moslemischen Architektur mißverstanden werden, da die beschriebenen Kapitel grundsätzlich verschiedenen Zielsetzungen folgen. Während beim Christentum die Darstellung der Sakralbauten im Vordergrund steht, geht es bei den gegenwärtigen Höhlenbauten um den Wohnungsbau.

   

Die Geographische Lage und Geomorphologie Göremes

Das Tal von Göreme liegt im zentralanatolischen Hochland, ca. 80 km westlich der türkischen Stadt Kayseri und besitzt deutliche geographische Grenzen durch die vulkanischen Ketten zwischen dem Erciyes Dagi (3916 m) im Osten und dem Hasan Dagi (3253 m) im Südwesten, in die sich die Flußläufe des Kizilirmak im Norden, des Melendiz Suyu im Südwesten und des Mavrucan im Südosten eingeschnitten haben.

Der Charakter, dieser durch Vulkanausbrüche entstandenen Landschaft, zeichnet sich durch einen ausgeprägten Formenreichtum in den zerklüfteten Talschluchten und den aus der Hügellandschaft aufragenden Tuffkegeln und Felstürmen aus. Die wichtigste Voraussetzung für die Entstehung dieser bizarren Landschaft mit einer Ausdehnung von etwa 25 km² ist der Erciyes Dagi, der bei wiederholten Eruptionen breite Lavaströme über die Hänge und Täler ergoß, die sich in der darauf folgenden Phase zu mehreren Tuffschichten unterschiedlicher Dicke und Festigkeit erhärteten.

Den vulkanischen Ausbrüchen folgte eine viele Jahrtausende lang einwirkende Erosion, die die weichen, weniger verdichteten Schichten rasch abtrug, während die härteren Tuffschichten durch sie deutlich langsamer verwittert wurden. Im Gebiet von Göreme fanden sich weichere Tuffschichten vor, die den Kräften der Erosion nicht viel Widerstand entgegensetzen konnten, so daß die Einwirkungen von Wind und Wasser zu einer starken Verformung der Oberfläche geführt hat. Begünstigt durch die großen Gegensätze des anatolischen Klimas mit heißen, langen Trockenperioden im Sommer und kalten Wintern mit starken Regen- und Schneefällen, entstand im Laufe der Zeit ein weitverzweigtes System von Einbruchtälern und tiefen Schluchten. Ein weiteres Charakteristikum dieser Region ist, neben der variationsreichen Formenvielfalt, der Farbenreichtum der Felsmassen, die durch Oxidationsprozesse je nach Gesteinsart zu unterschiedlichen Farbtönen geführt haben, wie z.B. das Violett der harten Andesite, das Ocker der flachen Hänge, das Weiß der Talflanken und Tuffkegel und das Schwarz der Basaltpfeiler.

Trotz der Vielfältigkeit der Felsgebilde können einige wesentliche Erscheinungsformen, wie der Pyramiden-, der Zuckerhut-, der Obelisk- und der Turmform unterschieden werden. Nur die Gebilde, die durch einen massiven Felsblock oder durch eine feste Platte geschützt worden sind, haben sich bis in die Gegenwart erhalten. Ein besonderes Beispiel hierfür kann man in Cavusin beobachten, wo sich durch die Form der schützenden Decke eine amphitheatralisch geformte Wand gebildet hat.

Insbesondere in Göreme und in Zelve ist die morphologische Wandlung der Tuffelsen, von der vertikalen Zerlegung, über die Bildung von Kegelgruppen und einzelnstehender Kegel, bis zur vollständigen Erosion in der Talmündung deutlich zu verfolgen.

  

Klima

Kappadokien wird als Teil Zentralanatoliens durch das Kontinentalklima beeinflußt, welches sich durch heiße, regenarme Sommer und kalte, nicht selten schneereiche Winter auszeichnet. Die großen, jahreszeitlich bedingten Temperaturunterschiede spielen bei der Nutzung und der Wahl der Behausungstypen eine entscheidende Rolle. Hier erweisen sich die Vorteile einer massereichen Bauweise, die durch ihren akkumulierenden Effekt starke klimatische Schwankungen ausgleicht. Die Jahrestemperatur liegt bei durchschnittlich +11¢XC, wobei die Temperaturen im Winter auf unter -20¢XC fallen können, im Sommer aber häufig auf über +35¢XC im Schatten steigen.

Boden

Die für Göreme typischen morphologischen Strukturen sind Folge jahrtausendelanger Erosion, bei der sich die vulkanischen Ablagerungen des Vulkans Erciyes Dagi zu bizarren Pyramiden- und Kegelgebilden formten.Das Gestein besteht aus unterschiedlichen Schichten vulkanischer Asche, die über Jahrtausende zu festem Tuff komprimierten. Dieses relativ leichte und daher gut zu bearbeitende Gestein bietet eine ideale Voraussetzung für die Gestaltung von Höhlen mit einfachsten Mitteln.

Auch für die Fruchtbarkeit der Region ist der Tuff von Bedeutung. Als mineralreiches, leicht Wasser bindendes Verwitterungsprodukt bietet dieser Boden vor allem auch in Kombination mit dem schon in byzantinischer Zeit gebräuchlichen Taubenmist eine optimale Grundlage für den Anbau vieler Nutzpflanzen. Die Hochschätzung des Taubenmists als Mittel gegen eine Erschöpfung der landwirtschaftlich genutzten Böden wird insbesondere durch die in der Region überall zu findenden Taubenschläge im Fels deutlich, die speziell für diesen Zweck geschlagen wurden.

 

Wasserversorgung

Obwohl in Zentralanatolien im Sommer kaum Niederschläge fallen, ist die Wasserversorgung in Göreme prinzipiell das ganze Jahr über gesichert. Durch die Nähe des Flusses Kizilirmak ist garantiert, daß sich in einigen Brunnen in den tieferen Lagen der Ortschaft Göreme stets Grundwasser findet. Dieses Wasser ist jedoch trüb und zum Trinken nicht geeignet. Es wird mit Handhebelpumpen an die Oberfläche gebracht.Daneben verfügt die Ortschaft über mehrere Frischwasserquellen. Im Ort wird das Wasser der Quellen mit besonders hoher Wasserqualität zu Wasserstellen geleitet, die oft schmuckvoll gefaßt und mit einem Wasserhahn versehen sind.

Ferner existiert seit einigen Jahren eine zentrale Wasserversorgung, die über ein kleines Pumpwerk Wasser aus dem am Kizilirmak liegenden Städtchen Avanos herbeigeführt. An dieses System ist beinahe jeder Haushalt meist mit einer Zapfstelle im Innenhof angeschlossen. Durch den überdurchschnittlich hohen Wasserbedarf der in der Ortschaft verweilenden Touristen blieben vor allem die höher gelegenen Haushalte in der Regel im Sommer ohne fließend Wasser. Diese Situation wurde jedoch 1986 durch den ergänzenden Anschluß eines eigenen Tiefbrunnens erheblich verbessert.

Neben dieser zentralen Wasserversorgung gibt es im Ort und in der Umgebung etliche unterirdische Höhlenreservoirs, die in der regenreichen Zeit im Frühjahr meist über lange Kanäle mit Regenwasser gespeist werden. Solche Zisternenanlagen stammen häufig noch aus frühchristlicher Zeit und dienen primär der Bewässerung der Felder.

 

Siedlungsgeschichte

Seit wann erstmalig Höhlenwohnungen in Göreme genutzt wurden, läßt sich aufgrund fehlender konzentrierter Forschung kaum mit Sicherheit ermitteln. Göreme liegt in einer Gegend, die schon im frühen Neolithikum, also bereits 7000 v. Chr., ein bedeutsames Kulturzentrum darstellte. Siedlungsfunde westlich von Göreme, aus Catal Hüyük bei Konya und aus Asikli Hüyük nahe Aksaray, die auch in der Umgebung von Göreme vorkommen, lassen darauf schließen, daß das Tuffgebiet von Göreme bereits zu dieser Zeit bekannt gewesen ist.

Seit der späten Bronzezeit, etwa der Zeit um 1600 v. Chr., blühte in Zentralanatolien die Kultur der Hethiter, welche ein halbes Jahrtausend großen Einfluß auf die umliegenden Völkerschaften ausgeübt haben. Obwohl auch die Hethiter mancherorts Höhlenräume aus dem Fels gestalteten, finden sich doch aus dieser Zeit noch keine eindeutigen Beweise für eine Höhlenkultur in der Region Göreme. Nach 1200 v. Chr. kam es im Zusammenhang mit dem Einbruch der ?Seevölker" zu Völkerbewegungen in Kleinasien, aus denen dann in Zentralanatolien die Phryger als politische Macht hervorgingen. Manche Vermutungen besagen, daß bereits zu jener Zeit gewaltige unterirdische Stadt- und Verteidigungsanlagen mit mehreren Stockwerken und laby-rinthartigen Zugängen, welche hermetisch gegen äußere Einwirkungen verschlossen werden konnten, als Bollwerk gegen die nach Zentralanatolien eindringenden Assyrer geschaffen worden seien.

Tatsächlich wären jene Anlagen aufgrund eigener Brunnen und Vorratsräume, sowie eines ausgeklügelten Belüftungssystems für solch eine Funktion sehr geeignet gewesen. Aber auch zum Schutz vor Feuer, etwa bei den zu jener Zeit konstanten Bedrohungen durch die Vulkane Erciyes Dagi und Hasan Dagi, hätten solche unterirdischen Höhlenanlagen gute Dienste leisten können.

Als dann in spätere Zeit zunehmend Truppen des aufblühenden Archämenidenreiches in dieses Gebiet eindrangen, entstanden auch in dem Vulkangebiet um den Erciyes Dagi parsische Magiergenossenschaften, die Feuerdienste leisteten und Opfer in Höhlen darbrachten.

Die eigentliche Phase einer intensiven Besiedlung der Region Göreme setzte im ersten nachchristlichen Jahrhundert ein, als Askese übende und Einsamkeit suchende christliche Eremiten aus den von dem Apostel Paulus christanisierten Caesarea in die unzugänglichen Täler von Göreme zogen, um dort ein gottgefälliges Anachoretenleben zu führen. Es dürften jedoch nur wenige gewesen sein, die einsam in den weitläufigen und unzugänglichen Tälern auch die Anfänge des später hochkultivierten Gartenbaus begründeten. Diese frühen Eremiten werden sich aller Wahrscheinlichkeit nach nahe von Süßwasserquellen ihre bescheidenen Höhlenklausen gegraben haben. Ihnen lag der Gedanke an Verteidigung und Schutz vor feindlichen Überfällen noch fern, und daher wurden diese einfachen Behausungen ohne Schutzvorrichtungen angelegt.

In den folgenden Jahrhunderten kamen dann immer mehr christliche Gruppen aufgrund der Neuordnung der Kirche in Caesarea unter den Kirchvätern Basilius dem Großen, Gregor von Nyssa und Gregor von Nazianz nach Göreme, um dort ein mystisch orientiertes Leben zu führen. Damit begann nun auch die Zeit der Klostergemeinschaften, und die Epoche der Einzelaskese ging ihrem Ende zu.

Seit 574 n. Chr. fielen verstärkt persische Gruppen ein und eroberten im Jahr 605 die Stadt Kaisareia. Somit gewann ein neuer Aspekt der Siedlungsweise der Christen an Bedeutung. Immer mehr Glaubensbrüder aus den umliegenden Regionen flüchteten ins Gebiet um Göreme. Die Höhlenanlagen wurden nun unter verteidigungsstrategischen Gesichtspunkten konzipiert, wobei viele Höhlenräume mit verschließbaren Tunnels und Fluchtschächten ausgestattet und neue unterirdische Depots und Zisternen angelegt wurden. Wahrscheinlich stammt auch ein Großteil der oben erwähnten unterirdischen Stadtanlagen in ihrer jetztigen Form aus dieser Zeit. Viele dieser Höhlenanlagen waren untereinander weitläufig verbunden, so daß fremde Eindringlinge kaum eine Chance gehabt haben dürften, die sich dort verborgen haltenden Menschen zu überwältigen oder gar durch eine Belagerung zur Aufgabe zu zwingen.

Als seit 642 n. Chr. auch arabische Gruppen in das Gebiet eindrangen, blieben die Fluchtanlagen weiterhin von aktueller Bedeutung. Doch auch während des sogenannten großen Bilderstreits 726-842 n. Chr. war ein unauffälliges Wohnen in den abgelegenen Höhlen ein wichtiger Schutz für Mönchsgemeinschaften, deren religiöse Überzeugung von der herrschenden Meinung abwich. So lebten drei Jahrhunderte lang christliche Glaubensgruppen, häufig auf Tarnung und Verteidigung bedacht, in speziell für diese Zwecke konzipierten Höhlenbehausungen.

Ein ebenfalls wichtiges Element dieser byzantinisch-christlichen Höhlenkultur ist die in ihrer Art einmalige Erschaffung der kunsthistorisch bedeutsamen Höhlenkirchen, die Elemente der byzantinischen Sakralarchitektur mit denen der Höhlenbauweise verband. Diese Höhlenkirchenarchitektur gehört zu den bekanntesten und am besten erforschten kulturellen Zeugnissen von Göreme. Sie ist einer der Hauptgründe für das seit Jahren zunehmende touristische Interesse an dieser Region. Schon gegen Ende des vierten nachchristlichen Jahrhunderts entstanden die ersten dieser Höhlenkirchen, die in den folgenden Jahrhunderten vom Stil der verschiedenen Arten der byzantinischen Sakralarchitektur geprägt wurden.

Meist sind diese Höhlenkirchen nach einem kreuzförmigen Grundriß angelegt, haben eine oder mehrere Kuppeln, Tonnengewölbe oder Flachdecken, Formen, die häufig miteinander kombiniert werden. Oftmals wurden sogar Altar, Taufstein, Fresken, Säulen und Sitzbänke aus dem Fels geschlagen.

Es bildete sich in Göreme kein eigener Kirchentyp heraus, jedoch sollte die Variationsbreite der verschiedenen Zwischenformen von einfacher Höhlenbauweise und statisch unbedeutender Kuppel- und Säulengestaltung erwähnt werden, die sich nur in solch einer Höhlenbauweise herausbilden konnte.

Mit Beginn des achten Jahrhunderts wurden viele dieser Höhlenkirchen mit einfachen geometrischen Mustern und später durch hochentwickelte Freskenmalereien ausgeschmückt, die bis heute vielfach erstaunlich gut erhalten sind, sofern sie nicht durch Menschen mutwillig zerstört wurden. Alle Kirchen und Kapellen sind in ihrer Art und Größe Beispiel für die Zweckorientiertheit dieser Sakralbauten, wobei größere und reichere Klostergemeinschaften größere und üppigere Höhlenkirchen gestalten konnten als kleinere Gruppen einzelner Mönche.

Das Jahr 1071 stellte durch die Schlacht von Manzikert, in der die aus Zentralasien über Persien eindringenden Seldschuken unter der Führung von Arp Arslan die byzantinischen Truppen des Kaisers Romanos IV vernichtend schlugen, einen entscheidenden Einschnitt in der Geschichte Anatoliens dar. In immer neuen Schüben drängten diese türkischen Gruppen nach Anatolien und konnten so ihren Einfluß auf Kleinasien letztlich ungehindert ausbreiten. Obwohl die Seldschuken in Glaubensfragen als toleranter galten als die in den Jahrhunderten vorher eingedrungenen Perser und Araber, war damit doch die Blütezeit des Cristentums in den Hochtälern Göremes zu Ende; viele der dort lebenden Mönche zogen nach Westen, um dort neue Klostergemeinschaften außerhalb des islamischen Herrschaftsbereich zu gründen.

In der Folgezeit verfiel die christliche Kultur in Göreme immer mehr. Statt der Klostergemeinschaften bewohnten nun christliche Bauern das Gebiet von Göreme, die sich im Laufe der jahrzehnte mit zuwandernden griechischen und armenischen Christen mischten.

In Folge einer mongolischen Invasion unter Güyük, einem Enkel Tschingis Khans, im Jahr 1243 wurde das seldschukische Reich geschwächt, und andere türkische Dynastien konnten ihre Macht ausdehnen. Um die Wende des Jahres 1300 begann die Epoche der Osmanen, das neue Reich festigte sich. In den folgenden Jahrhunderten wurden viele der vorher nomadisierenden Gruppen seßhaft, so auch in den Tälern von Göreme. Die Türken übernahmen teils die alten leerstehenden Höhlenwohnungen abgewanderter Christen, wandelten diese ihren Bedürfnissen entsprechend um, bauten eigene Wohnhöhlen oder gliederten neue Hausfassaden an die ehemals unauffälligen oder getarnten Behausungen an. So entstanden Haus-Höhlen-Agglutinate, wobei Stil- elemente der sich sonst in Kappadokien entwickelnden Haustypen in ihre Bauweise übernommen wurden.

Diese Konzeption der Wohnweise unterscheidete sich wesentlich von der der Christen. Während Letztere über Jahrhunderte ein enges Miteinanderleben in klösterlichen Gemeinschaften pflegten, wobei viele der Räumlichkeiten als Durchgangsräume konzipiert waren, bildete für die traditionellen Türken ein jedes Zimmer eine Einheit für sich, welche nur von außen her zugänglich und niemals mit einem Nebenraum verbunden war. In der Folgezeit lebten dann jahrhundertelang christliche und moslemische Gruppen in den selben Ortschaften, wenn auch in separaten Ortsvierteln, nebeneinander.

Nach dem türkischen Freiheitskrieg verließen in Folge des griechisch-türkischen Bevölkerungsaustausches 1923 die letzen orthodoxen Christen ihre Höhlenwohnungen in Göreme und zogen nach Westen. Hiermit endete die Zeit der christlichen Besiedlung Göremes nach ca. 1850 Jahren. Seitdem leben fast ausschließlich Türken in Göreme.

 

Das Christentum in Göreme

Frühchristentum

Für die Existenz christlicher Gemeinden in Kappadokien im 1. Jahrhundert liegen zwar keine ausführlichen Informationen vor, diese erscheint aber aufgrund der Überlieferung einer relativ großen Anzahl christlicher Gemeinden aus dem 2. Jahrhundert wahrscheinlich. Das Mönchsleben in Askese und die lockere Bindung Ungetaufter an die Kirche waren zwei christliche Strömungen im Tal von Göreme, die den Anspruch der Kirche als Mittlerin zwischen Gott und dem Menschen in Frage stellten. Diesen Strömungen versuchte Basilius, der Bischof von Kaisareia, durch Organisation der kirchlichen Aufgaben entgegenzuwirken. Konsequente Schriftauslegung, Armenhilfe, Ordnung des Mönchtums und die Festlegung der Liturgie wurden als Mittel genutzt, um eine einheitliche Führung und Organisation zu ermöglichen. Die Bestrebungen des Basilius wurden später von Gregor von Nazianz und von Gregor von Nyssa, dem jüngeren Bruder des Basilius fortgeführt. Sie trugen dazu bei, daß das ganze theologische und geistige Denken des Christentums in jener Zeit, sofern es den Mittelmeerraum betraf, durch Kappadokien geprägt wurde. Fast alle theologischen Problemstellungen erhielten aus dem Kappadokien des 4. Jahrhunderts zumindest Lösungsversuche.

Das Mönchsleben in Askese hatte aber weiterhin Bestand und weist auf die Bedeutung der geographischen Lage für die geistesgeschichtliche Entwicklung des Christentums, insbesondere des Mönchtums in Kappadokien. Menschen, die die Erfüllung eines christlichen Lebens in der Einsamkeit suchten, errichteten ihre Kultstätten, Klöster und Wohnungen in der ausgedehnten Tufflandschaft und schufen so eine Gemeinschaftsbildung, die ohne kirchlich institutionelle Gemeinschaften bestand. Die Topographie dieses unwegsamen und zerklüfteten Gebietes ermöglichte den Mönchsgemeinden ein Leben in Zurückgezogenheit und den dazu notwendigen Schutz vor einer zentralen und straffen Organisation durch die institutionelle staatliche Kirche.

 

Byzantinismus

Zum Ende des 4. Jahrhunderts wuchs der Einfluß der christlichen Bewegung soweit, daß sie schließlich als Staatsreligion neben das traditionelle Kaisertum trat und mit dem Namen Byzanz jene neue Konstellation verdeutlichte. Den Bruch zum weströmischen Reich ließ das byzantinische Reich mit der Entfaltung einer eigenen Kultur erkennen. Unter der Herrschaft Kaiser Justinian (527-525) erfuhren alle anatolischen Provinzen, so auch Kappadokien eine Periode des Wohlstandes und der Sicherheit. Byzanz erweiterte seine Herrschaft auf ganz Kleinasien, Transkaukasien und Gebiete des westlichen Mittelmeeres. Kurz nach dem Tod Justinians im Jahr 605 wurde die kappadokische Stadt Kaisareia von persischen Truppen erobert. Im 7. Jahrhundert kam Kappadokien die Rolle als Grenzprovinz und Vorposten des byzantinischen Reichs gegen arabische Armeen zu. Auf den ständigen Wechsel der Machtverhältnisse reagierte die christliche Bevölkerung mit Flüchtlingsbewegungen bzw. mit dem Rückzug in Fluchtburgen, versteckte Höhlen und unterirdische Städten, wie z.B. Derinkuyu, Cardak, Kaymakli und Özkonak. Die Eingänge der unterirdischen Städte konnten mit schweren Rollsteinen verschlossen werden und Löcher wurden für Speere zum Verteidigungszweck im Boden und in den Wänden der schmalen dunklen Gänge vorgesehen. Auch die Mönche und Eremiten zogen sich, ausreichend mit Wasser und Nahrungsmittel versorgt, in ihren Wohnanlagen und Fluchträumen tief in den Felsen zurück.

In der Zeit des Bilderstreits im 8./9. Jahrhundert waren die meisten Mönche Kappadokiens als Bilderverehrer der Verfolgung ausgesetzt, wobei zahlreiche Mönche ihr Leben verloren. Mitte des 9. Jahrhunderts mit der Beendigung des Bilderstreites verbesserte sich die Lage der Bevölkerung. Im 10. und 11. Jahrhundert eroberte das byzantinische Reich Palästina und Mesopotamien und führte so Kappadokien in das geographische Zentrum seines Machtbereichs. Kaisareia spielte als Handels- und Militärstadt eine wesentliche Rolle und entwickelte sich zur bedeutendsten Stadt in Mittelanatolien. Doch im Jahr 1071 besiegten die Seldschuken unter Arp Arslan in der Schlacht von Manzikert die Byzantiner unter Romanos IV, besetzten die östlichen Provinzen. Die Niederlage stellte gleichzeitig das Ende der byzantinischen Herrschaft über Kappadokien dar. Unter der Herrschaft der Seldschuken entwickelte sich eine freundschaftliche Koexistenz zwischen Christen und Mohammedanern, welche über die gesamte Herrschaftszeit der Seldschuken anhielt. Im Jahr 1304 wurde der seldschukische Sultan Mas¡¦ud II. im Kampf gegen die Mongolen getötet und die Seldschuken geschlagen. Unter der mongolischen und osmanischen Herrschaft schließlich wurden die Höhlenbehausungen in Göreme von den Christen verlassen.

 

Architektur des Christentums

Die Felswände und Pyramidenkegel wurden ausgehöhlt, in Behausungen, Gräber, Klöster, Kapellen und Kirchen umgewandelt. Die kleinsten Pyramidenkegel enthalten meist nur eine einzige Klause, die größeren mehrere, in Etagen übereinander angelegte Behausungen, deren Luft- und Lichtlöcher bis zur Spitze hinaufreichen. Fast alle Räume und Zellen sind nur mit mühevoller Kletterei erreichbar. Durch ein kompliziertes System von niedrigen, versteckten und leicht versperrbaren Eingangslöchern mit unbequemen Treppen, von Durchgängen und Öffnungen, die man nur gebückt durchkriechen kann, durch meterhohe Steigschächte, bei denen Trittstufen in den Wänden den Aufstieg ermöglichen, über immer neue Wendelsteige hinweg und durch enge und engste Durchschlüpfe kriechend, kann man schließlich die einzelnen Klausen erreichen. Heute, da nur noch die nackten Wände der Zellen mit ihren aus dem Stein herausgeschnittenen Nischen, Sitz- und Liegebänken zu sehen sind, wirken diese Wohnräume weit einfacher und bescheidener, als sie es wohl zur Zeit der Benutzung durch die Eremiten gewesen sind.

Unter den Kirchen der Täler von Göreme, die in einer Art Negativarchitektur aus dem Felsen geschlagen sind, finden sich einfache Kapellen, regelrechte Basiliken sowie Kirchen mit einem kreuzförmigen Grundriß und einer oder mehreren Kuppeln. Die Flachdecken, die häufig mit großen Reliefkreuzen geschmückt sind und die Tonnengewölbe bestehen aus gewachsenem Fels. Nach außen treten diese Höhlenkirchen nur wenig in Erscheinung. Meist führt eine rechteckige Tür in das Innere, und oft erkennt man über dem Eingang noch ein halbrundes Tympanon. Eine Ausnahme bilden die Fassaden, der als Nartex gebildeten Vorhalle der Karanlik Kilise in Göreme. Ihre typischen Elemente sind Giebelprofile über Rundbogen und zu einem Fries geordnete schlüssellochförmige Blendarkaden, welche aus der orientalischen-iranischen Architektur entlehnt sind.

Sehr viel reicher und vielfältiger als die Außenfronten sind die Innenräume der Felskirchen ausgearbeitet, die sowohl in den Grundrißtypen als auch in den architektonischen Details sämtliche Formen der frühchristlichen und byzantinischen Kirchenarchitektur widerspiegeln. Die häufigste und zugleich einfachste Form ist die einschiffige Kapelle oder Basilika, die aus einem rechteckigen Raum mit einer halbrunden Apsis und dem gegenüberliegenden Eingang besteht. Je nach Größe des Naos sind bis zu drei Apsiden möglich, mit denen das große Taubenhaus von Cavusin ausgestattet ist. Im allgemeinen werden diese schlichten Kapellen und Kirchen von einer Längstonne berwölbt, nur in der Theodor-Kirche bei Ürgüp und in der St. Stephanos-Kirche im Archangelos-Kloster bei Cemil wurden flache Felsdecken vorgesehen. Bei einer Reihe dieser Kirchen wurde das ursprüngliche Bauvolumen nachträglich durch eine Säulenhalle oder ein Parekklesion erweitert. Das Parekklesion ist zumeist architektonisch nicht ausgeschmückt und dient als Grabraum, wie z.B. in der St. Theodor-Kirche bei Ürgüp oder in der St. Barbara-Kirche im Tal von Göreme. Spätere Umbauten haben bei einigen Kirchen sogar durch eine Verbindung des Naos mit dem Parekklesion zu einer zweischiffigen Anlage wie bei der Kirche der 40 Märtyrer in Sahinefendi geführt.

Einer zweiten Gruppe von Felsenkirchen sind die querrechteckigen Kirchen zuzurechnen, die sich von den bereits beschriebenen Kirchen durch größere Ausmaße und feinere Ausschmückungen unterscheiden und in der Regel über drei Apsiden verfügen. Zu diesen Kirchen mit Querschiff gehört neben einer großen Zahl von Kapellen in Göreme und der Kirche zu den drei Kreuzen in Güllü Dere auch die Tokali Kilise in Göreme. Hinter dem tiefen Atrium einer älteren Anlage liegen das Querschiff mit der Krypta und dem breit angelegten Dreiapsidenabschluß und ein im Norden angefügtes Parekklesion. Dem monumentalen Ausbau entspricht auch die reiche Wandgliederung mit Pilastern. Arkaden, Gesimsen und der von zwei Gurtbögen unterzogenen Quertonne. Mit der Teilung des Naos durch eine Pfeilerarkade ist bei der Sakli Kilise in Göreme ein zweischiffiger Raum entstanden.

Den dritten wichtigen Typus in der christlichen Felsarchitektur von Göreme verkörpert die kreuzförmige Kirche, eine für ganz Kleinasien charakteristische Bauform. Hier lassen sich vier verschiedene Ausprägungen aufzeigen: Kreuzförmige Kirchen, in denen die Apsis ohne dazwischen geschalteten östlichen Kreuzarm direkt am Mittelquadrat ansetzt. Durch Nebenräume verschiedenster Art kann dabei die reine Kreuzform stark verfremdet werden, so daß sie oft auf den ersten Blick nur schwer zu erkennen ist. Zur zweiten Gruppe gehören die rein kreuzförmigen Kirchen, in denen von einem Zentralraum zumeist nur kurze Kreuzarme ausgehen. Der östliche Kreuzarm bildet die Überleitung zur Apsis. Die dritte Gruppe der kreuzförmigen Kirchen in Kappadokien wird nur durch ein Bauwerk, den Trikonchos von Tagar, repräsentiert. Diese Kirche gehört aufgrund ihrer Maße von 13,75 m auf 11,15 m zu den bedeutendsten Werken christlicher Felsarchitektur. Die vierte und bedeutendste Gruppe bilden die zahlreichen Kreuzkuppelkirchen, von denen hier mit der St. Barbara-Kirche, der Carikli Kilise, der Elmali Kilise, der Karanlik Kilise und der Kiliclar Kilise in Göreme, der Cambazli Kilise in Ortahisar, der Sarica Kilise in Kepez sowie der Klosterkirche von Eski Gümüs nur die bekanntesten genannt wurden. Diese Kirchen, mit zwei oder vier stützenden Säulen ausgearbeitet, waren nach großzügigen und weiträumigen Plänen erstellt worden und hielten den Vergleich mit ein- und zweikuppeligen Kirchen der Hauptstadt Konstantinopel stand. Mit den verschiedensten Zusammenstellungen von Tonnen-, Kuppel-, Kreuzgewölbe und Flachdecken und vielen zufälligen oder beabsichtigten Unregelmäßigkeiten verdeutlichen diese großen Felsbauten das Vertrauen der byzantinischen Steinmetze in die Tragfähigkeit des weichen Tuffgesteins und die vielfältigen Möglichkeiten der architektonischen Formen der Felsarchitektur. Den notwendigen Spielraum für ihre Variationsfreude erhielten die Baumeister durch die gute Statik der negativen Tuffsteinarchitektur.

Die kappadokische Höhlenarchitektur entwickelt, wie an den genannten Beispielen deutlich wird, keine eigenständigen Architekturformen, sondern reproduziert die vorhandenen Bautypen und variiert die bekannten Grundrisse. Bei der zeitlichen Betrachtung der Kirchen wird deutlich, daß sich die Kirchentypen nicht gegenseitig abgelöst haben, sondern alle im 8./9. Jahrhundert schon entwickelt waren. Daher liegen die einschiffigen, archaischen Kirchen zeitlich nicht unbedingt vor den großen und reich geschmückten Kreuzkuppelkirchen. Der Raumtyp wurde wahrscheinlich vom Verwendungszweck bestimmt, so daß eine Kapelle für eine Einsiedelei oder eine kleine Klostergemeinschaft, eine Kreuzkuppelkirche eventuell für eine große Mönchsgemeinschaft geplant wurde.

  

Wandmalerei des Christentums

Ausführliche Auskünfte über technische Aspekte der Malerei geben im Gegensatz zum Westen, wo die Überlieferung bis in das frühere Mittelalter zurückreicht, in Göreme nur sehr späte Handschriften. In dem bekanntesten Werk, dem ?Malerbuch vom Berge Athos" werden in einer Art Werkstattbuch in knappen Anweisungen die einzelnen Phasen der Malerei ?al fresco" erläutert, einer Technik, bei der die Wasserfarben auf den frischen und noch nassen Kalkmörtelgrund aufgetragen werden. In dieser Anleitung zur Wandmalerei wird jeder Arbeitsprozeß von der Anfertigung der Pinsel über die Zubereitung des Putzes, das Auftragen des Putzes in verschiedenen Schichten, die Anfertigung der Skizzen und die Bereitung der Farben beschrieben. Die meisten Wand- und Deckenbilder wurden jedoch in der ?al secco" Technik auf einem trockenen Untergrund gemalt, denn überwiegend ist ein Gipsputz verwendet worden, der rasch erstarrt und eine Malerei auf nassem Putz unmöglich macht. Zudem gab es Unterschiede in der Zusammensetzung des Verputzmaterials und in den Bindemitteln. So beschrieben die Malerhandbücher der byzantinischen Zeit verschiedene Techniken, daher finden sich 920/930 im Tal von Göreme zwei Secco-Techniken nebeneinander. Obwohl die bekannten späteren Malerhandbücher diese Techniken nicht aufgenommen haben und nur Freskomalerei auf nassem Kalkputz empfehlen, spielte diese ?al fresco" Malerei in den Tälern von Göreme gegenüber der aus der griechisch-römisch tradierten ?al secco" Technik zunächst nur eine untergeordnete Rolle.

Die Bilder im Gebiet von Göreme lassen sich vereinfacht in fünf Zeitabschnitte einordnen. Die älteste Gruppe faßt die Malereien bis zum Ende des Bilderstreits im Jahr 843 zusammen, wobei die vorherrschenden figuralen Darstellungen zumeist vor der Zeit des Ikonoklasmus (also vor 726) oder in der kurzen Phase der Wiedereinsetzung der Bilder (787-815) entstanden sind. Die frühchristlichen Künstler vermittelten ihr Anliegen zunächst überwiegend durch die Verwendung von Symbolbildern. Nach der ikonoklastischen Krise entwickelte sich ein Stil, indem erzählende Szenen vorherrschten, während ornamentale Muster und vor allem die Vorherrschaft des Kreuzsymbols verschwanden. Vom Ende des Bilderstreits bis in die Mitte des 10. Jahrhunderts bewirkte das Mönchstum mit der reichen Ausschmückung einen bedeutenden Aufschwung in der Malerei. In der nächsten Epoche, der Frühzeit der makedonischen Renaissance bildete sich unter Verwendung von Vorlagen aus Konstantinopel in Kappadokien eine Künstlerschule. Parallel dazu herrschte eine zweite Richtung der Kirchenmalerei, in der volkstümliche kappadokische Elemente mit orientalisierenden Ornamentformen verbunden wurden. Als eigene Kunstepoche gilt die Hochblüte der makedonischen Kunst, die sich vor allem durch die Verarbeitung neuer christlicher Motive von der Frühzeit unterscheidet. Im 11. Jahrhundert verlor sich der volkstümliche Stil und die letzte Epoche der Kirchenmalerei setzte ein. In dieser Epoche führten großzügige Siftungen zur Vergabe der Aufträge an die ?Künstlerpersönlichkeiten" jener Zeit. Diese vertraten, ausgestattet mit einem hohen Kunstverständnis, einen aristokratisch zu nennenden Stil. Sie orientierten sich zwar an den hauptstädtischen Vorbildern, interpretierten sie aber auf eigene Weise.

Mit der seldschukischen Eroberung Mitte des 11. Jahrhunderts setzte eine Entvölkerung der Mönchskolonien aus den Gebieten ein, die den Verlust der handwerklichen Fähigkeiten zur Folge hatte. Lediglich wenige Werke, als Nachahmung älterer Vorbilder entstanden noch im 13. Jahrhundert unter den Seldschuken.

 

Zentren des Christentums

Göreme

Der Talkessel von Göreme war das bauliche und geistige Zentrum der Mönchs- und Klostergemeinschaften Kappadokiens. Dies drückt sich vor allem in der extrem hohen Dichte christlicher Sakralbauten aus. In frühchristlicher Zeit war Göreme im Vergleich zu Matiana (Avcilar) oder Cavusin noch unbedeutend, daher läßt sich von den vielen Kirchen in Göreme nur eine in das 6./7. Jahrhundert datieren. Doch im 9./10. Jahrhundert entstanden bereits eine Vielzahl von zumindest kleinen Kapellen und Kirchen.

?Bedeutende" Klosterkirchen wurden erst im 11. Jahrhundert gebaut, unter ihnen an erster Stelle die drei Säulenkirchen: Karanlik Kilise (dunkle Kirche), Carikli Kilise (bäuerliche Kirche) und Elmali Kirche (Kirche mit dem Apfel). Im selben Jahrhundert entstanden zahlreiche Kapellen, ein- und mehrschiffige Kirchen, einige mit Querschiff, andere nach dem Plan des freien Kreuzes und Kreuzkuppelkirchen. Viele besitzen bei der Bemalung eine reiche Thematik, wie z.B. die Meryemana Kilise, die St. Onuphrios-Kirche oder die St. Barbara-Kirche.

Als das engere Tal von Göreme im 11. Jahrhundert vollständig ?zugebaut" war, entstanden auch in den Seitentälern von El Nazar und Kiliclar dicht gedrängt zahlreiche Kirchen und Klöster. Während sich die Kirchen des 10. Jahrhunderts in den beiden großen Felskegeln im Nordosten und in der Tuffwand im Osten des Felskessels konzentrieren, ziehen sich die Kirchen des 11. Jahrhunderts dagegen von diesem früheren Kirchenzentrum aus um das ganze Tal herum, um schließlich auch vereinzelt in dessen engerer Umgebung aufzutreten.

Nach der Machtübernahme durch die Seldschuken bricht, trotz freundschaftlicher Koexistenz zwischen Christen und Seldschuken, im 11. Jahrhundert die Tätigkeit der Architekten und Künstler in Göreme ab.

   

Zelve

Abseits der Hauptstraßen liegt eski Zelve, das alte Zelve, im Zentrum von vier ineinanderfließenden Schluchten. Es vermittelt dem Betrachter ein plastisches Bild einer byzantinischen Mönchssiedlung. Die Bevölkerung wurde zu Beginn der fünfziger Jahre nach yeni Zelve, das neue Zelve umgesiedelt. Zwei große Basiliken aus präikonoklastischer Zeit stehen am Fuß der Steilhänge. Darüber sind die schroffen Felswände mit kleinen Kapellen und Klausen übersät, welche zum Teil schwer zu erreichen sind und meist als Schmuck ein in Stein geschlagenes Kreuz tragen. Auffallend ist die relativ große Zahl von präikonoklastischen und ikonoklastischen Kirchen, von denen die letzteren den Vorschriften des Bilderverbotes folgend nur mit verschiedenen Varianten des Kreuzzeichens versehen sind. Da aber auch die präikonoklastischen Kirchen kaum Bilderschmuck tragen, liegt die Vermutung nahe, daß die Mönche von Zelve die Bilderverehrung bereits vor Ausbruch des Ikonoklasmus ablehnten. Ein Beispiel hierfür ist die Üzümlü Kilise, die Kirche mit den Weintrauben, in welcher, außer der Darstellung von Josef in der Apsis, nur Medaillons, umlaufende Ornamentbänder, Kreuz- und Fischsymbole, Palmen und Weintraubenornamente dargestellt wurden.

Das langgestreckte Tal von Zelve, das durch eine schmale Felswand in zwei Hälften geteilt wird, wurde bis in das 15. Jahrhundert hinein von Christen und Mohammedanern je Talhälfte bewohnt.

 Cavusin

Das nur wenig westlich von Zelve gelegene Dorf Cavusin wird von einer etwa 60 m hohen Felswand überragt, in die fast bis an die oberste Kante sehr viele Eremitenklausen eingelassen sind. Im Mittelpunkt der Einsiedeleien steht die Täuferkirche, welche wahrscheinlich schon im 5. Jahrhundert errichtet wurde, womit sie die älteste Kirche in der Umgebung von Göreme sein dürfte. In ihr wurde die Hand des Heiligen Hieronymus verehrt, der aus dem benachbarten Avcilar stammte. Dahinter verbirgt sich eine Höhlenkirche zur Erinnerung an die Pilgerfahrt des Kaisers Nikephoros II. Phokas zu den Klöstern dieser Gegend im Jahr 964/965. Noch zum Bereich von Cavusin gehören zwei Täler südlich des Dorfes mit Namen Güllü Dere, der Fluß mit Rosen und Kizil Cukur, das rötliche Tal, deren Kirchen und Einsiedeleien sowohl von Cavusin als auch von Ortahisar nicht mehr als 2 km entfernt liegen. Die Kirche zu den drei Kreuzen in Güllü Dere und die Kirche des Säulenheiligen Niketas in Kizil Cukur, die im Volksmund Üzümlü Kilise genannt wird, repräsentieren den hier vorherrschenden Kirchentyp mit präikonoklastischer Malerei und Skulptur. Am Talende von Kizil Cukur befindet sich die Hacli Kilise, die Kreuzkirche, in der man zwei Phasen der Ausgestaltung erkennen kann. Im Kirchenraum finden sich ikonoklastische Skulpturen im monumentalen Deckenkreuz und Gemälde des 10. Jahrhunderts vor.

Avcilar

Das byzantinische Matiana, welches armenische Christen später Macan und die Türken erst in jüngster Zeit Avcilar nannten, ist die Heimat des Heiligen Hieronymus, dessen Akten, die spätestens zu Beginn des 7. Jahrhunderts verfaßt worden sind, für die historische Topographie des Tales von Göreme aufschlußreich waren.

Das auffälligste Denkmal in dieser Felsenlandschaft ist das von einer römischen Säule überragte römische Grab, das sich auf dem östlichen Ufer des Macan Cayi befindet. Dieses Grab weist eventuell auf die antike Nekropole hin, die dann aber unter einem Teil des modernen Dorfes Avcilar liegen würde. Das byzantinische Matiana, das im 11. Jahrhundert zum Bischofssitz erhoben wurde, lag auf dem westlichen Flußufer inmitten fruchtbaren Kulturlandes. Während fünf Kirchen im Dorf oder nur wenige hundert Meter westlich davon liegen, erfordert lediglich die Karabulut Kilisesi, Kirche der schwarzen Wolke, zu Fuß eine halbe Stunde in südliche Richtung.

Ürgüp

Das alte Osiana an der Durchgangsstraße von Kayseri über Nevsehir nach Aksaray liegt am Fuß eines Berges, der die früheren Wohnanlagen der Stadt beherbergt und schroff aus der Hochfläche aufragt. Die vereinsamten christlichen Klöster und Baudenkmäler befinden sich jedoch im umliegenden Gebiet, wie z.B. im 5 km entfernten Ortahisar, der höchstgelegenen Siedlung diese Gebiets, wo man Harim Kilise (die heilige Kirche), Cambazli Kilise (die Kirche mit dem Seiltänzer) und Kale (die Burg), welche die älteste Siedlung von Ortahisar darstellt, besichtigen kann. Unterirdische Gänge verbinden diese Burg mit der benachbarten Isa Kale (Jesus-Burg), zu der auch eine unterirdische Verbindung von der Harim Kilise vorhanden sein soll. Beide Burgberge dienten den Christen während der Araberangriffe als Verstecke. Nördlich von Ortahisar liegen die Eremitenklausen und die Kapelle des Niketas aus dem 7./8. Jahrhundert und im Südosten ist die Kirche des Heiligen Theodor gelegen, die mit ihrer naiven Malerei im starken Kontrast zu den ausschließlich nach byzantinischen Vorbildern gestalteten Bildwände der meisten Kirchen von Göreme steht.

Weitere Stätten, die in der engsten Umgebung von Ürgüp einen Einblick in die christliche Vergangenheit erlauben, sind die Kloster- und Kirchenanlagen von Kepez, unter denen eine große Kreuzkuppelkirche des 11. Jahrhunderts mit roten Strichzeichnungen von Vögeln, Tannenzweigen und anderen christlichen Symbolen herausragt und die Kirchen des Balkan Deresi nur wenige Kilometer südlich von Ürgüp.

Zur Umgebung von Ürgüp gehört auch die Timios Stavros-Kirche, die Kirche vom Ehrwürdigen Kreuz, welche auf einem Felssporn gelegen oberhalb des Tales von Üzengi Dere errichtet wurde. Eine weitere kunsthistorisch bedeutsame Kirche bei Sinassos trägt den Namen Tavsanli Kilise, die Kirche mit dem Hasen, die unterhalb des Fahrweges von Ortahisar über Ibrahim Pasa Köyü nach Mustafa Pasa Köyü liegt. Südlich der Tavsanli Kilise, im Seitental von Gorgoli liegt das Archangelos-Kloster, das in idealer Lage an einer Quelle und einem heiligen Brunnen errichtet worden ist. Hierbei handelt es sich wahrscheinlich um eine der ältesten Klosteranlagen in Kappadokien. Zum Kloster gehört noch die Kapelle des Heiligen Stephanos aus dem 7./8. Jahrhundert.

 

Siedlungsbild im heutigen Göreme

Der alte Teil von Göreme, mit dem wir uns vor allem beschäftigen möchten, umfaßt die Höhlenwohnungen an den südlich und östlich gelegenen Seiten des Tales, welches sich von der südwestlich gelegenen Ortschaft Üchisar nach Norden zum Kizilirmak hin ausdehnt. Dieser Teil des Ortes ist durch ein kleineres Tal geteilt, welches von Südosten nach Nordwesten verläuft. Am Mündungspunkt jenes kleinen Tals befindet sich das eigentliche Zentrum der Ortschaft, wo sich die große Moschee, verschiedene Läden, Teehäuser und die Stadtverwaltung von Göreme konzentrieren.

Dieser Ortsteil Göremes hat sich aus der alten byzantinischen Siedlung Matiana entwickelt, die von Christen bereits in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten angelegt wurde. Die Wahl des Siedlungsplatzes hatte verschiedene Gründe: Zum einen eignen sich die örtlichen Gegebenheiten wegen der unübersichtlichen Anzahl von Tuffkegeln gut für eine versteckt angelegte Höhlenortschaft, zum anderen sichern mehrere Quellen im Ortsbereich die Wasserversorgung der Bevölkerung. Ebenso erweisen sich das Gestein und die Hanglage als sehr vorteilhaft für eine Ansiedlung dieser Art.

Da durch die Höhlenbauweise große Mengen an Schutt aus dem Abfallgestein anfallen, haben sich aus dem jahrhundertealten Aushub verschiedene terrassenähnliche Flächen gebildet, die heute zum größten Teil mit Häusern bebaut sind oder platzähnliche Erweiterungen und Straßengrundlagen darstellen. Den gewachsenen Geländeverhältnissen entsprechend haben sich Wegesysteme herausgebildet, die häufig dem natürlichen Wasserabflußsystem folgen.

Fast alle Hauptwege laufen aus den unterschiedlichen Richtungen dem Ortszentrum (merkez) zu. Das Wegesystem ist verästelt, zwischen den Wegen finden sich immer wieder platzartige Erweiterungen, zahlreiche Abbiegungen, Knicke und Sackgassen, die zu den einzelnen Hauskomplexen führen. Die Siedlung entwickelte sich, ohne daß zentrale menschliche Planung eine Rolle spielte. Einzelne Haushaltszellen wuchsen zu Zellgefügen (Ortsvierteln) zusammen und bildeten so auch zusammenhängende Sozialeinheiten. Dieses Siedlungsgefüge gleicht der vegetativen Steuerung organischer Zusammenhänge. Der Ort ist von Abkürzungen und Pfaden durchzogen, die häufig nur den unmittelbar ansässigen Bewohnern bekannt sind.

Vor allem seit dem Ausbau der Straßen wird auch die Talsohle von Göreme besiedelt, wobei vor allem im nördlichen Teil der Ortschaft zunehmend der Neubau von Häusern am Straßenrand Richtung Avanos vorangetrieben wird. Neue Siedlungsblöcke (yenievler) entstanden z.B. durch staatlich unterstützte Umsiedlungsprogramme, die frühere Höhlenbewohner betreffen und ihren angeblichen Grund in der Einsturzgefahr einiger baufällig gewordener Behausungen haben.

In neuer Zeit prägt auch der Tourismus einen wesentlichen Anteil der neueren Architektur am Rande der Straße. Vor allem sind hier Souvenirläden, Onyxschleifereien, Restaurants und Pensionen zu nennen. Weitere Neubauten außerhalb des alten Ortsteils wurden vor allem von zurückkehrenden Arbeitsmigranten geschaffen, die ihr im Ausland erworbenes Kapital in prestigebetonenden Häusern mit Vorgarten und Garage anlegen.

Diese Tendenz der Neuansiedlung in Häusern vornehmlich europäischen Stils scheint sich in Zukunft noch zu verstärken, zumal sich durch Darlehen der Zentralregierung in Ankara derartige Umsiedlungswünsche auch für kapitalschwächere Familien leichter realisieren lassen. Der Großteil der heutigen Ortschaft Göreme besteht aber weiterhin aus dem alten gehöhlten Teil, der nicht so stark durch überhängende Felswände bedroht ist wie die Nachbarortschaften. Hier wohnen noch viele Einheimische in Höhlen oder Höhlen-Haus-Agglutinate, die neben den meist zweigeschossigen Flachdachbauten kappadokischen Stils die charakteristischen Behausungsarten des alten Ortsteils ausmachen. Natürlich hält auch hier die Verwendung ursprünglich untypischer Baustoffe Einzug, so daß der klassische Charakter vieler Behausungen verloren geht.

Insgesamt ergibt sich in Göreme ein Siedlungbild, welches ein Nebeneinander von Behausungsarten verschiedener Epochen darstellt, wobei manche Höhlenwohnungen wahrscheinlich seit über eineinhalb Jahrtausenden den unterschiedlichsten Zwecken dienten. Viele Höhlenwohnungen, Kirchen und Klöster dienen jetzt den Bauern und Stadtbewohnen als Keller, Vorratsräume und Viehstallungen, nur selten noch als Wohnungen.

 

Die Bedeutung des Tuffs als Baumaterial

Der Tuff, das ortsspezifische Material, spielt eine übergeordnete Rolle in Göreme und in den benachbarten Ortschaften. Der Boden Göremes besteht hauptsächlich aus Tuffgestein, der daher auch Grundlage der traditionellen Baumaterialien ist. Tuff läßt sich wegen seiner Weichheit mit einfachen Werkzeugen leicht bearbeiten. Die neuentstandene Oberfläche härtet später unter Lufteinwirkung aus. Trotz des porösen Charakters erlaubt die Beschaffenheit dieses Materials einen statisch gesicherten Ausbau von Höhlenräumen, die teilweise seit mehr als 1500 Jahren in nahezu unbeschädigtem Zustand genutzt werden.

Vor allem in der Höhlenbauweise ist durch die Dicke der Wände trotz der relativ geringen Rohdichte des Tuffgesteins eine ausgezeichnete Wärmespeicher- und Isolierfähigkeit gegeben. Ferner hat das Tuffmaterial eine ideale Dampfdiffusionsfähigkeit, die hinsichtlich der Feuchteregulierung in den Räumen raumklimatisch bedeutsam ist.

Auch der zu Erde verwitterte Tuff ergibt mit Strohhäcksel und speziellen Erden vermischt ein Material, das sich hervorragend für isolierende Deckschichten auf Flachdachbauten eignet. Verrottete Tufferde kann ferner durch Hinzufügen von Wasser und Strohhäcksel zu einer vielfach verwendbaren Mörtel- oder Verputzmasse angerührt werden, die bei hoher Stabilität und geringer Rißbildung nach dem Trocknen lehm- ähnliche Eigenschaften aufweist.

Das Tuffgestein wird oft für den Mauerbau verwandt. Hierzu werden Tuffsteinquader in unterschiedlichen Qualitäts- und Bearbeitungsgraden gehauen. Die groben Außenmauern der ausgedehnten Innenhöfe, die Ställe und Aborte werden aus grob behauenen Tuffbrocken gebaut. Für den Bau der Hausmauern und vor allem der Fassaden werden dagegen sehr sorgfältig bearbeitete Tuffquader verwendet, die erheblich stabiler sind als die oben genannten. Oftmals sind an besonders auffälligen Stellen, etwa am Eingangsbereich der Häuser oder an Kamineinfassungen, die Tuffsteine mit traditionellen geometrischen Mustern verziert.

 

Raumplanerische Merkmale der Höhlenwohnungen

Eine Höhlenwohnung ist grundlegend anders konstruiert als sonst übliche Behausungsarten. Es handelt sich hier um eine Negativ-Architektur, bei der die Wände als Reste bestehen bleiben, während der eigentliche Innenraum der Wohnung aus dem Gestein herausgehauen wird. Bei dieser Bauweise wird also nicht auf-, sondern abgebaut.

Besonders hinsichtlich der Statik unterscheidet sich die Höhlenbauweise von anderen Arten der Architektur, wobei die Höhlenbauweise diesbezüglich hohen Anforderungen entspricht. Höhlenräume benötigen in der Regel keine stützenden oder übertragenden Konstruktionen, so daß sie relativ frei den räumlichen Bedürfnissen entsprechend ausgebaut und erweitert werden können. Die Vielfalt der Ausgestaltungsmöglichkeiten ist daher in Göreme sehr groß. Einerseits erlaubt die Festigkeit des Gesteins den Ausbau großräumiger Höhlensäle, andererseits ermöglicht die Weichheit des Gesteins mühelos feine Ausarbeitungen. Zum Bau eines Höhlenraumes mit den Ausmaßen 5x6 x8 m benötigt ein geübter Handwerker mit seiner Spitzhacke ca. 10-14 Tage.

Neben der statischen Komponente sind auch die raumklimatischen Aspekte zu erwähnen. Die Höhlenwohnungen in Göreme sind trocken und ausgeglichen temperiert. Ferner lassen sich die teils noch aus frühmittelalterlicher Zeit stammenden Höhlen für verschiedene Zwecke nutzen. So werden eher dunkle, kühle und feuchte Räume z.B. für die Einlagerung von Äpfeln bevorzugt, während trockenere und helle Räume von den Menschen als alltäglicher Lebensraum genutzt werden.

Auch die Einpassung der Höhlenanlagen in die Umgebung bestimmt ihre Teilbereiche. So wird z.B. bei der Gestaltung der Höhlen und der Höhlen-Haus-Agglutinate auch auf die Stellung zur Sonne hin geachtet. Soweit es die Geländeformation ermöglicht, werden Fenster nicht nach Westen orientiert, um eine direkte Einstrahlung der tieferstehenden Sonne, die im Hochsommer die Räume erhitzen würde, zu vermeiden. An der Südseite sind die Gebäudemauern häufig möglichst dick gestaltet. Diese Gesteinsmassen absorbieren die reiche Sonnenwärme des Tages, besonders die Mittagssonne, und geben diese in den kalten Nächten wieder gleichmäßig an den Wohnraum ab. Dieser Effekt erweist sich als ein Paradebeispiel für eine passive Nutzung der Sonnenenergie.

Im Vergleich zu der üblichen traditionellen Bauweise in der Türkei gibt es in Göreme ein oftmals überreichlich vorhandenes Angebot an Höhlenräumen, die teilweise noch aus byzantinischer Zeit stammen. Dieses üppige Raumangebot bedeutet aber nicht, daß nunmehr vergleichsweise mehr Räumlichkeiten zum Wohnen genutzt werden. Wie auch sonst in der ländlichen Türkei allgemein üblich, nutzen die Einheimischen Göremes in der Regel lediglich einen Raum pro Kernfamilie zum Wohnen und Schlafen, welchen sie den Bedürfnissen der Tageszeiten entsprechend umgestalten. Das reichliche Raumangebot führt also keineswegs dazu, sich in der Wohnweise zu spezialisieren, wie in den westlichen Industrienationen. Der eigentliche Wohnraum bleibt daher in der Regel ein Mehrzweckraum.

Es ist naheliegend, daß der schönste und hellste Raum im Haus als Wohnraum dient, sich dieser also meist, wenn vorhanden, in einem Agglutinatsanbau vor den eigentlichen Höhlenräumen befindet. Doch in den kalten Wintermonaten ziehen manche Bewohner in die leichter zu beheizenden, dafür aber etwas dunkleren Höhlenräume ihrer Gebäude um, um möglichst ökonomisch die ortsgegebene Brennstoffknappheit auszugleichen.

Ein Vorteil des reichhaltigen Höhlenraumangebots macht sich vor allem bei der Vorrats- und Lagerwirtschaft bemerkbar. So hat ein jeder Haushalt neben der eigentlichen Küche zumindest zwei bis drei Höhlenräume, welche für die Einlagerung der Ernte- erträge und der sonstigen, nicht regelmäßig genutzten Materialien oder Gegenstände dienen. Diese Räume befinden sich in fast allen Fällen, in den hinteren, tiefer im Berg liegenden und daher dunkleren Höhlen der Haushalte, die künstlich beleuchtet werden müssen und sich daher zum alltäglichen Leben nicht eignen.

Ställe und Scheunen befinden sich ebenfalls in den dunkleren Teilen der Höhlenwohnung, wobei sich die Ställe in einem räumlich möglichst großen Abstand von den Wohnräumen befinden.

 

Decken und Dächer

Bei der Höhlenbauweise ist die Dach- und Deckengestaltung denkbar einfach. Alles einen Höhlenraum nach oben hin abschließende Gestein ist die Decke, das äußere Erscheinungsbild desselben bildet das ?Dach". In heutigen türkischen Wohnhöhlen sind die Raumdecken meist als einfache Flächen gestaltet, wobei Unregelmäßigkeiten nicht als störend empfunden werden. Die Höhe der Decken in den Höhlenräumen beträgt zwischen 2.00 m und 2.50 m. Bei den Hausanbauten variiert die Deckenhöhe zwischen 3.00 m und 3.50 m, je nach dem, ob es sich um eine Flachdachbalkendecke oder eine Rundbogendecke handelt. Die Decken- und Dachkonstruktionen der Höhlenagglutinate erfordern bei der Isolation gegen Kälte, Hitze und Feuchtigkeit, der Materialverfügbarkeit, der Statik und bei den Kosten einen wesentlich höheren Aufwand. Das klassische Höhlenagglutinat ist ein Flachdachhaus mit ein bis zwei Geschossen. Dieser Bautyp steht in der Tradition der zentralanatolischen Bauweise und hat den Vorteil, daß auf dem Dach ein Platz zum Arbeiten und Trocknen von Gemüse, Obst oder auch Wäsche zur Verfügung steht.

In Göreme ist seit langem das kappadokische Rundbogenflachdachhaus verbreitet. Hier bilden 50-70 cm breite Bogengürtel ein Gewölbe, dessen Stil alter seldschukischer Tradition zu entstammen scheint. Ein solcher Gewölberaum, bei welchem Wände und Decken fließend ineinander übergehen, schließt nach außen mit einer raumhohen senkrechten Mauer ab. Der Zwischenraum zwischen dem Gewölbe und der Außenmauer ist mit Erdreich aufgefüllt, wodurch ein Flachdach gebildet wird. Eine leichte Neigung dieser Fläche gewährleistet den Abfluß von Regenwasser. Räume mit derartigen voluminösen Dachkonstruktionen verfügen über ein ähnlich gutes Raumklima wie die Höhlenräume, sofern die Decken hinreichend gegen Feuchtigkeit abgedichtet sind.

Ein weiterer Deckentyp ist die Rundholzbalkendecke. Hierbei werden Pappelstämme dicht nebeneinander auf die Umfassungsmauern gelegt, wodurch eine tragfeste Deckenkonstruktion gebildet wird. Ritzen zwischen den Balken werden mit Fasern, Gräsern oder Stroh ausgefüllt und über dem Gebälk werden oft Strohmatten ausgebreitet, die ein Hindurchrieseln der darauf befindlichen Erde verhindern sollen. Hierüber werden mehrere Schichten aus einer angefeuchteten Mischung aus erodiertem Tuff, sowie Stroh und Mist aufgetragen. Diese Dächer haben jedoch verschiedene Nachteile, wie z.B. der unangemessen hohe Verbrauch an Bauholz, der wesentlich schnellere Verfall solcher Rundholzbalkendecken gegenüber Steinbogendecken und die geringere Isolierfähigkeit aufgrund der geringen Dachmasse.

Wände

In der türkischen Kultur spielen die Wände, neben der alllgemeinen Funktionen des Wärmeausgleichs und des Witterungsschutzes, auch unter einem anderen Aspekt eine wichtige Rolle, denn in die Wände der Wohnräume sind viele Schränke und Nischen eingelassen, die mit einfach verzierten Holztüren verschlossen werden.

Bei der Höhlenbauweise werden Teile des Muttergesteins als Wände stehengelassen, wobei nach Belieben Durchgänge, Nischen oder ?Mobiliar" aus dem Tuff gehauen werden können. Die Ausgestaltung der Wandqualitäten variiert je nach Zweck von groben unregelmäßigen Strukturen bei Stall- oder Vorratsräumen, bis hin zu sorgfältig geglätteten und verzierten Wänden der Wohnzimmer.

Für den Bau gemauerter Hauswände werden fast ausschließlich Tuffsteinquader verwendet. Die Wände der äußeren Hausmauern haben meist eine Mindestdicke von ca. 50 cm, an Südseiten eines Gebäudes zwecks Wärmeregulation oft von 90-100 cm. Die Frontseite besteht meist aus sorgfältig behauenen Steinen, die ca. 60x30x25 cm messen. Die Fassade beginnt erst in Höhe des inneren Fußbodenniveaus, während das Fundamentmauerwerk nur aus grob behauenen Tuffbrocken zusammengesetzt ist und lediglich dazu dient, die Unebenheiten des Geländes auszugleichen.

Böden

Die türkische Landbevölkerung lebt seit alters her in engem Kontakt mit dem Boden, welcher mit leicht zu transportierenden Matten, Teppichen, Kelims, sowie Kissen und Decken behaglich ausgelegt wird.

In den Wohnungen gibt es mehrere Bodenebenen, die sich in ihrer Funktion und symbolischen Bedeutung voneinander unterscheiden. Ein Wohnraum wird häufig durch die verschiedenen Fußbodenniveaus aufgeteilt und optisch gegliedert. Man betritt einen Höhlenraum über einen kleinen Vorraum an der Tür (sekialti), in dem man seine Schuhe auszieht und sich einen ersten Überblick über die Situation im Wohnraum verschaffen kann. Dieser Vorderteil liegt 10-15 cm niedriger als der übrige Raum. In manchen Fällen wird der Eingangsbereich auch durch eine andersartige Deckengestaltung vom übrigen Raum abgesetzt. Ein wichtiger Vorteil des sekialti liegt darin, daß der von außen hereingetragene Schmutz sich in diesem Bereich sammelt und somit nicht in den eigentlichen Wohnraum hineingetragen wird. Der eigentliche Wohnraum mit den höher gelegenen Sitzebenen (sekiüstü) war früher durch ein kleines Geländer von dem Vorraum abgetrennt. Meist besteht der Wohnraum aus Stein, auf dem große Strohmatten ausgelegt sind, die als Unterlage für die Teppiche und Kelims dienen. An den Wänden dieses Hauptraums befinden sich in den meisten Fällen unterschiedlich hohe (10-40 cm) Sitzpodeste (sedir), die ebenfalls verschiedene Ebenen und deren Bedeutung markieren. Meist sind die höheren Sitzpodeste dem Hauspatron oder den Ehrengästen vorbehalten, während Frauen und Kinder auf den niedrigeren und unbequemeren Sitzmöglichkeiten in der ersten Hälfte des Wohnraums Platz nehmen. Die Lage im Raum, die Höhe, die Qualität des Sitzplatzes im Hinblick auf die Gemütlichkeit und auch die Aussicht bestimmen daher die Bedeutung eines jeden Sitzplatzes.

Fenster

Bei der Anordnung der Fenster wird besonders die Einstrahlung der Sonne berücksichtigt. Wegen der außerordentlich starken Insolation im Sommer wird allgemein eine Ausrichtung der Fenster nach Südwesten vermieden und eine Fensterausrichtung nach Süden angestrebt, da die direkte Einstrahlung aufgrund des hohen Standes der sommerlichen Mittagssonne wesentlich geringer ist. In der Regel sind alle größeren Fenster eines Hauses nur nach einer Richtung hin orientiert, wobei die Fensteröffnungen selten größer als 1 m² sind. Die Fensterrahmen bestehen aus einfach verbundenen Holzleisten, welche die Fensterfläche mehrfach untergliedern. Eventuelle undichte Stellen werden im Winter mit Zeitungspapier und ähnlichem abgedichtet. Die Fenster sind so gestaltet, daß die auf einem sedir sitzenden Personen bequem hinaussehen können, d.h. die Fensterunterkante befindet sich meist in einer Höhe von 60 cm oberhalb des sedir. Ein normaler Wohnraum besitzt in der Regel zwei Fenster, die ca. 50-80 cm voneinander entfernt sind.

Türen

Alle wichtigen Raumöffnungen sind durch Türen verschließbar, die aus Holzbrettern oder seit Mitte der sechziger Jahre auch aus Eisenblech gefertigt sind. Beim Durchschreiten einer Tür überschreitet man in der Regel eine 20 bis 30 cm hohe Schwelle, die den inneren vom äußeren Fußbodenbereich trennt. Holztüren gibt es zwar in verschiedenen Ausführungen und Qualitäten, doch das Konstruktionsprinzip ist bei allen weitgehend ähnlich: Auf zwei Querhölzer sind Bretter bündig nebeneinander genagelt, eine Stabverlängerung hält die Tür oben und unten in den Angeln. Mit zwei Riegeln kann die Tür von innen und außen verschlossen werden, wobei der untere Riegel von außen mit einem Schloß versehen ist. Ritzen zwischen den Türbrettern werden mit Papier oder Stoffresten verschlossen und teilweise mit Blechstreifen übernagelt.Die eigentlichen Durchgänge durch das Mauerwerk oder den Fels sind an allen Seiten etwa eine Handbreite schmaler als die Tür, da diese nicht in eine Zarge fällt, sondern flach gegen das Randmauerwerk schließt. Die Durchgangshöhe ist selten höher als 1.70-1.80 m.

 

Treppen

Die Treppen im alten Teil Göremes sind aus dem Tuffgestein herausgehauen, aus Tuffsteinquadern zusammengesetzt oder bestehen aus Gußbeton. Hölzerne Treppen sind selten, wenn auch manche Kombinationen aus Balkenkonstruktionen und Steinquadern zu finden sind. Die Treppen zu den Räumen befinden sich außerhalb des Gebäudes fast immer im Bereich des Innenhofs. Oftmals haben selbst steile Treppen keine Geländer.

Der Innenhof

Der Innenhof (avlu) ist für das Leben einer Familie mindestens genauso wichtig wie die geschlossenen Zimmer. Es ist der Platz, an dem innerhalb der Haushalte ein Großteil der alltäglichen Arbeiten verrichtet wird. Er ist das Zentrum des Lebens einer Familie für den größten Teil des Jahres. Der Innenhof bildet den ersten Wohnbereich, der nach überschreiten der Schwelle betreten wird. Er ist der Knotenpunkt eines traditionellen Haushalts, der passiert werden muß, um alle weiteren Räumlichkeiten meist direkt zu erreichen.

Der bevorzugte Platz eines offenen Vorhofs liegt an der Südseite eines Gehöfts. Dies ist vor allem für das Trocknen von Früchten und Fleisch von entscheidender Bedeutung, weil der Schatten des Hauses nicht darauf fällt. Zudem blicken die Fenster des Hauses damit auch nach Süden, der bevorzugten Richtung, ohne daß sie von der Straße einsehbar sind. Wegen der topographischen Verhältnisse ergeben sich zwar Abweichungen, jedoch wird immer versucht, die direkte Einstrahlung der Mittagsonne in den Innenhöfen zu nutzen.

 

Küchen- und Spülbereich in einem Innenhof

Die halboffene Diele

Ein bedeutungsvoller Übergangsbereich in einem traditionellen Höhlenhaushalt ist die halboffene Diele (cardak bzw. hayat), welche eine Verbesserung der Wohnbedingungen darstellt. Dem eigentlichen Wohnraum wird ein nach vorne hin offener gedeckter Vorraum angegliedert, in dem bei ausreichendem Schutz vor der Witterung eine Verbindung zur Außenwelt erhalten bleibt. In Göreme besteht ein solcher Vorbau immer aus einer Rundbogenkonstruktion, wobei aus einzelnen Quadern zusammengesetzte Rundbögen einen nach oben hin abgedeckten Raum bilden. Der so gebildete Raum ist in der Regel mit einer Feuerstelle in der Mitte ausgestattet. Da eine solche halboffene Diele auch einen wichtigen Durchgangsbereich zu den Räumlichkeiten darstellt, werden die Feuerstellen nach Gebrauch mit Steinplatten zugedeckt.

Die halboffene Diele wird häufig als Wohnraum genutzt, vor allem dann, wenn die äußeren Witterungsbedingungen für einen Aufenthalt im Freien zu unwirtlich sind, man sich aber dennoch nicht in die Innenräume zurückziehen möchte. Diese halboffenen Dielen sind oftmals nach Süden hin ausgerichtet, wodurch sowohl eine gute Beleuchtung gewährt als auch die Belästigung durch die pralle Mittagssonne vermieden wird.

Wohnzimmer

Im Unterschied zu den Wohnräumen der meisten Industriegesellschaften bewohnen die Einwohner der ländlichen Türkei in der Regel nur einen Raum, der unterschiedlichsten Anforderungen auf praktische Weise gerecht wird. Dieses Wohnzimmer ist als Mehrzweckraum konzipiert, indem alle Voraussetzungen für ein gemütliches Zusammenleben gegeben sind. Im Wohnraum befindet sich als Feuerstelle, ein in den Boden eingelassenes Holzkohlenbecken zumeist an einer Seitenwand. Während der kalten Winterabende sitzen dann oft die Familienmitglieder unter einer darüber ausgebreiteten Decke, um bei der Wärme der Glut gemeinsame und alltägliche Dinge zu bereden. Während der Sommermonate werden diese Holzkohlenbecken zugeschüttet und mit Teppichen und Kelims verdeckt. Die Mitte des Wohnzimmers ist hierdurch jeder Zeit frei für die jeweils gewünschte Nutzung.

In der mittelalterlichen Höhlen befindet sich in der Mitte des Raumes ein direkt aus dem Fels geschlagener Tisch, um welchen sich ebenfalls direkt aus dem Tuff gehauene Sitzbänke gruppieren. In Gewölberäumen gibt es manchmal ein Oberlicht, welches der Beleuchtung der betreffenden Räume eine besondere Qualität verleiht, da das einfallende Licht in der oberen Raumeshälfte reflektiert wird.

Küchen und Lagerräume

Die Küche dient, wenn überhaupt, nur im Winter als eigentlicher Wohnraum, daher verfügen nur wenige von ihnen über eine Feuerstelle. Im Vergleich zu den Wohnräumen sind die Küchen meist ohne große Sorgfalt eingerichtet. Sie dienen in erster Linie als Lagerraum für Küchenutensilien und verschiedene Nahrungsmittel.

Neben den Küchen gibt es vor allem in den Höhlenwohnungen einige Räume, die entweder als Abstellräume oder der Einlagerung von Erntegut und Viehfutter dienen. Wegen der großen Anzahl von alten, früher einmal bewohnten Höhlenräumen gibt es sehr viele Abstellräume. Diese liegen meist in den hinteren Hälften der Höhlenwohnungen, die meist schlecht zu beleuchten sind und sich daher heutzutage nicht mehr zum Wohnen eignen. In diesen werden Materialien und Gebrauchsgegenstände aufgehoben, die nur selten gebraucht werden. Solche Räume sind ohne besondere Sorgfalt eingerichtet, werden also auch nicht gestrichen oder anderweitig dekoriert.

Ställe

In einem Gebäudekomplex liegt der Stall meist möglichst weit entfernt von den eigentlichen Wohnräumen. Viele der Höhlenräume in Göreme dienen heute als Ställe. Wegen ihres ausgeglichenen Raumklimas eignen sie sich trotz des häufig relativ geringen Lichteinfalls zur Unterbringung des Viehs. In solchen Fällen befinden sich längs der Seitenwände in geeigneter Höhe aus dem Fels gehauene Futtertröge.

Oft befinden sich unter der Stalldecke Stangengerüste für die Tauben. Die Haltung dieser Vögel dient der Produktion von Dung. Ihr Mist wird mit dem Mist der anderen Tiere gemischt, wodurch ein Dünger von außerordentlicher Qualität entsteht.

Latrinen

Als Einzelgebäude steht die Latrine (hela) meist möglichst abseits von den Wohnräumlichkeiten, meist nahe des Hoftors zur Straße hin.Ein Abort ist immer zweigeschossig. Der obere Raum, welcher sich zwischen ein bis eineinhalb Meter über dem Erdboden befindet, läßt sich über eine kleine Treppe erreichen. Er ist durch eine luftige Tür oder einen Vorhang zur Außenwelt hin abgeschlossen. Die Seitenwände sind häufig nach oben hin offen, wodurch eine ausreichende Belüftung ermöglicht wird.

Die verschiedenen Treppenarten, die man in den Wohnhöhlen antrifft, in ihren variationsreichen

Erscheinungsformen, möchten wir durch Begriffe wie z.B. "Steigtunnel", "Felslochleitern", "Schneckentreppen" umschreiben. Sie haben die Gemeinsamkeit, daß sie der jeweiligen Situation angepaßt sind, wodurch sich die unterschiedlichsten Steigungen, Windungen, usw. ergeben. Da die Steigungen teilweise sogar senkrecht sein können, sind neben Fußlöchern auch viele Löcher für die Hände vorgesehen, so daß man beim Besuch der Wohnhöhlen meist das Gefühl hat sie zu erklettern. Die Individualität der Wohnhöhlen ist eine angenehme Besonderheit, die deutlich die Kreativität und Lebensfreude der Christen jener Zeit zum Ausdruck bringt.

 

Literaturverzeichnis

J. Wagner / G. Klammet

Göreme / Felsentürme und Höhlenkirchen im türkischen Hochland

 

Andus Emge

Wohnen in den Höhlen von Göreme /

Traditionelle Bauweise und Symbolik in Zentralanatolien

 

Spiro Kostof

Caves of God / Cappadocia and its Churches

 

Henri Stierlin

Byzantinischer Orient /

Von Konstantinopel bis Armenien und von Syrien bis Äthiopien

 

Marcell Restle

Studien zur frühbyzantinischen Architektur Kappadokiens

 

Bernard Rudofsky

The prodigious Builders / Notes Toward a Natural History of Architecture

 

Albrecht Mann

Wohnhöhlen / als Formen menschlichen Hausens und Bauens vom Altpaläolithikum

bis zur Gegenwart

 

Untersuchung der versorgungstechnischen Aspekte in Göreme

 Geographische Lage und Infrastruktur:

- 80 km westlich der heutigen Stadt Kayseri gelegen

- 39° n. Br.

- gegenwärtig Bestandteil der Provinz Nevsehir

(wesentlicher Bestandteil der antiken Provinz Kappadokien)

- die Ortschaft Göreme umfaßt ca. 25 km² Areal

- Geographische Grenzen: Hasan Dagi im Südwesten, Kizilirmak im Norden,

Melendiz Suyu im Südwesten, Mavrucan im Südosten und Erciyes Dagi im Osten

- in der Ortschaft Göreme-kasabasi leben ca. 4000 Einwohner

- seit den frühen fünfziger Jahren existieren Elektrizität und eine asphaltierte Straße in Göreme (von Avanos über Cavusin und Göreme nach Nevsehir)

- ein Kanalisationssystem existiert im Zentrum und in den Neubauvierteln

Klima:

 

- Kappadokien als Teil Zentralanatoliens durch das Kontinentalklima beeinflußt (heiße,

regenarme Sommer und kalte, schneereiche Winter)

- Durchschnittlicher Jahresniederschlag ca. 350 mm

- Wind meist aus nördlichen Richtungen, häufig stark böig

- Relative Luftfeuchtigkeit im Jahresmittel ca. 55 %

- Jahresdurchschnittstemperatur ca. +11° C (Temperaturen im Winter bis unter

-20° C, im Sommer häufig über 35° C im Schatten)

- mittlere Globalstrahlungswerte: Dez. 1.5 steigt im Juli bis auf 6.8 kWh/m²/Tag

- geringe Differenz bei Sonnenscheindauer zwischen Sommer und Winter ca. 5h

(Differenz in Berlin: 9h 23min)

- Ortsübliche massereiche Bauweise gleicht durch akkumulierenden Effekt

große jahreszeitlich bedingte Temperaturunterschiede aus

 

Boden:

- Göremes typische morphologische Strukturen entstanden über Jahrtausende durch Erosion der vulkanischen Ablagerungen des Vulkans Erciyes Dagi

- Das Gestein besteht aus unterschiedlichen Schichten vulkanischer Asche, die zu festem Tuff kompremierten. Durch seine gute Bearbeitkeit bietet der Tuff ideale Voraussetzungen für die Gestaltung von Höhlen.

- Als mineralreiches, leicht Wasser bindendes Verwitterungsprodukt bietet der Tuff in Kombination mit Taubenmist (in der Gegend wurden unzählige

Taubenschläge in die Felsen geschlagen) einen hochwertigen und

ökologischen Dünger.

 

Wasserversorgung:

- Trotz regenarmer Sommer ist die Wasserversorgung in Göreme das ganze Jahr gesichert: der nahegelegene Fluß Kizilirmak garantiert den Brunnen in tieferen Lagen der Ortschaft Göreme stets Grundwasser, das sich aber nicht als Trink wasser eignet. Es wird mit Handhebelpumpen an die Oberfläche befördert.

- Die Ortschaft verfügt über mehrere Frischwasserquellen, teilweise mit

besonders guter Trinkwasserqualität, welche daher zu Wasserstellen geleitet werden, die oft schmuckvoll gefaßt und mit einem Wasserhahn versehen sind

- Seit einigen Jahren existiert eine zentrale Wasserversorgung, die über ein

kleines Pumpwerk Wasser aus dem am Kizilirmak liegenden Städtchen

Avanos herbeiführt. An dieses System ist beinahe jeder Haushalt meist mit

einer Zapfstelle im Innenhof (avlu) angeschlossen.

- Neben der zentralen Wasserversorgung gibt es im Ort und in der Umgebung etliche unterirdische Höhlenreservoirs (Zisternenanlagen), die in der

regenreichen Zeit im Frühjahr meist über lange Kanäle mit Regenwasser

gespeist werden.

 

Tuff:

- Der Boden (Berg und Tal) besteht hauptsächlich aus Tuffgestein, der daher Grundlage der traditionellen Baumaterialien ist. Der Tuff ist weich und läßt sich leicht sich gut bearbeiten.

- Tuff ist porös bietet aber ausreichende Stabilität für die Errichtung von

Höhlenwohnungen.

- Tuff besitzt bei relativ geringer Rohdichte eine sehr gute Wärmespeicher-,

Isolier- und Dampfdiffusionsfähigkeit, die hinsichtlich der Feuchtigkeitsregu lierung in denRäumen raumklimatisch von Bedeutung ist.

- Tuff ergibt mit Strohhäcksel vermischt ein Material, das sich gut für

isolierende Deckschichten auf Flachdachbauten (Höhlen-Haus-Agglutinat) eignet.

- Tuff, Wasser und Strohhäcksel vermischt ergeben eine Mörtel- bzw. Verputz masse, mit lehmähnlichen Eigenschaften.

- Tuffgestein wird in Form von Tuffsteinquadern in verschiedenen Qualitäten für den Mauerbau von Innen- und Außenmauern verwendet. Für Hausmauern und Fassaden werden sehr sorgfältig bearbeitete Tuffquader verwendet, die er heblich stabiler sind als grob behauene Tuffbrocken für Ställe und Aborte.

- härtere vulkanische Auswürflinge oder festere Sedimentgesteine werden für die häufig betretenen Stellen der Wohnung verwendet.

 

Ziegel:

- Im benachbarten Städtchen Avanos befinden sich zwar mehrere Ziegeleien und Töpfereien doch spielt der Ziegel bereits in Göreme keine siedlungsprägende Rolle. Ziegelelemente erfüllen kleine Funktionen, wie z.B für Ziegeldachdeckungen über Eingangsbereichen.

- Die Verwendung von Ziegeldächern (meist Pultdächer) geschieht überwiegend in Verbin dung mit alten Flachdächern aus Tuff, wobei der Ziegel nur als Regenschutz dient, wäh- rend die alte Konstruktion weiterhin die Funktion als akkumulierende Masse beibehält.

- In Göreme folgen nahezu alle Neubauten dem europäischen Muster mit Sattel- und Pultdä cher mit Ziegeldeckung, mit der Konsequenz eines erheblich höheren finanziellen Auf wands verbunden mit sehr unbefriedigenden Ergebnissen: Im Sommer können die Woh nungen nicht gegen die Hitze und im Winter nicht gegen die Kälte geschützt werden.

Kalk:

- Kalk wird meist im ungelöschten Zustand primär zum Weißen des Wohnbereichs verwen- det. Aufgrund seiner desinfizierenden Eigenschaft werden kleine Mengen in die Latrinen gegeben.

 

(Verständnis)

Die Höhle als Behausung hat weniger mit dem Grad der Kultur zutun, als mit der Ausnutzung der klimatischen und geographischen Vorteile. Bei Höhlenwohnungen handelt es sich um eine Negativ-Architektur, bei der die Wände als Reste bestehen bleiben, während die Räume aus dem Gestein herausgehauen werden.

Energiebedarfssenkende Bauplanung:

- die Temperatur in Höhlen entspricht etwa der mittleren Jahrestemperatur der Umgebung und ist über das ganze Jahr annähernd konstant

- Eine direkte Ausrichtung nach Westen bzw. Südwesten wird weitgehend vermindern, wegen der sonstigen Überhitzung durch die tieferstehende Sonne im Sommer

- thermische Trägheit des Speichermediums Tuff: Verhindert das extreme

Auskühlen und Aufheizen auch im Tag-Nachtrhythmus

- Außenwände zur Südseite sind dick ausgebildet (90-100 cm) für gute Wärme speicherfähigkeit und gute Wärmedämmung. Die gespeicherte Wärme wird phasenverschoben an den Innenbereich abgegeben

(passive Nutzung der Solarenergie, geringe Temperaturschwankungen)

- Tuff: Rohdichte ca. 1400 kg/m³, Wärmespeicherfähigkeit ca. 400 KWh/m³K, Wärmeleitfähigkeit ca. 0.3 kW/m K

- hohe relative Luftfeuchtigkeit im Innern der Berge(durch mangelnde Sonnen einstrahlung) bei Räumen, die tief in den Felsen gehauen sind

- wenige, nach Süden orientierte Fenster (selten größer als 100 cm²)

 

- ?Dächer" (alles nach oben abschließende) der Höhlen ohne Schwachstellen

- Dächer der Agglutinate sind mit Erdreich geschützt

- erdüberdeckte und bewachsene Flachdächer der Höhlen-Haus-Agglutinate wirken als Wärmedämmung, Wärmespeicher, Feuchtigkeitsschutz und Schall schutz. Im Winter dient zusätzlich Schnee als Wärmedämmung.

- In kalten Wintermonaten ziehen einige Bewohner in leichter zu heizenden

tiefer im Berg liegende Höhlen aus ökonomischen Gründen

(ortsgegebene Brennstoffknappheit)

- Rückzugsräume im Winter als Kernzone und die Räume an der Außenwand dienen nun als Pufferzone (durch Mobilität der Bewohner)

- Trotz übermäßigem Raumangebot (teilweise noch aus byzantinischer Zeit) liegt in der Regel im Gegensatz (wie z.B. zu westliche Industrienationen) keine

Spezialisierung in der Wohnweise vor, daher müssen weniger Räume beheizt werden

- Vorräume in allen Wohnungen bieten guten Schutz gegen kaltee Luftzüge

 

Lufthygiene

 

- Höhlenwohnungen sind trocken und ausgeglichen temperiert (dunkle, kühle und feuchte Räume werden als Depots genutzt)

- Rauchabzüge der Kamine teilweise unterputz horizontal bzw. vertikal gelenkt (durch in die Wand geschlagene Rinnen, welche mit Steinen verdeckt sind)

- Oft wird der Rauch über ein Ofenrohr durch ein Fenster ins Freie geleitet. Die Ofenrohre der Blechöfen werden in großer Länge durch den Raum geleitet (max. Abwärmenutzung)

Sanitärbereich:

- Latrine liegt möglichst weit von den Räumen entfernt und ist 1-1,5 m, darunter mehrere m³ umfassender Raum für Sammlung der Exkremente

Koch- und Heizmethoden

(innere Küche kaum genutzt)

Runde Bodenfeuerstelle:

- 30-40 cm im Durchmesser, lehmverputzt

- Sauerstoffzufuhr seitlich, unterirdisch durch Luftzugkanal. Regulierbar durch Lappen

- Anordnung in der halboffenen Diele (erschwerte Rauchabzugsmöglichkeiten)

- Steinabdeckung bei Nichtgebrauch

- keine täglich Benutzung

 

Offener Kamin:

- Anordnung an einer Seitenwand ca. 20 cm über dem Boden

- schlechte Heizfunktion durch schnelle Ableitung der Wärmeenergie durch den Schornstein

 

Holzkohlebecken:

- steht im engen Verhältnis zum Kamin (Umfüllung der Glut)

- eingelassene Vertiefung in der Zimmermitte ohne Luftkanal

- Metallgestell ermöglicht das Auflegen einer Decke (für die Erwärmung der Beine)

 

U-förmige Kochstelle:

- Anordnung an einer Seitenwand im Innenhof

- Rauchabzug unter einer Treppe durch ein Rohrsystem geregelt

 

Transportable Kochstelle:

- Gemisch aus Tuff, Lehm und Strohhäcksel

 

Blechofen:

- lange Ofenrohre

- temporäre Aufstellung (Sommer Abstellung im Depotraum)

- Dichtung der Ofenrohrverbindungen durch Lappen (in konzentrierter Salzlake getränkt)

- aus dünnem Blech gefertigt (schnelle Abgabe der Heizwärme, geringe

Speicherfähigkeit)

 

Backöfen:

- öffentlich genutzt

 

Gaskocher:

- Gasflasche mit Brenner oder mit Gasleitung für eine zweiflammige

Gasherdbenutzung


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